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Österreichs Zementindustrie: Jahresbilanz 2009 und Ausblick

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  • 16% weniger Zementproduktion im Vorjahr
  • Dramatischer Rückgang bei Infrastruktur- und Wohnbau
  • Internationaler Award für Energie Innovationen

Das Jahr 2009 war ein wirtschaftlich schwieriges Jahr. Einbrüche im Wohnungsund Projektbau sowie mangelnde Impulse im Bereich der Infrastruktur verursachten für die österreichische Zementindustrie einen zweistelligen Umsatzrückgang. "Die Entwicklung des vergangenen Jahres hat unserer Industrie stark zugesetzt, 2010 ist zur Zeit nicht seriös abschätzbar. Wir rechnen frühestens im nächsten Jahr mit einem Ende der Talfahrt", sagt Mag. Rudolf Zrost, Vorstandvorsitzender der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie (VÖZ). "In der zunehmend angespannten Situation der Bauwirtschaft müssen wir innovative und wirtschaftlich sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für unseren Baustoff weiterentwickeln. Bauteile aus Beton eignen sich als Energiespeicher und können in hervorragender Weise zum Heizen und Kühlen von Gebäuden eingesetzt werden", sagt Felix Friembichler, Geschäftsführer der VÖZ. Zahlreiche, auch international anerkannte Innovationen kommen aus dem Hause Vereinigung der österreichischen Zementindustrie. Mit der Ausschreibung des Innovationspreises 2010 „Energiespeicher Beton“ wird diese Tradition weiter fortgesetzt.

Im Vergleich zu 2008 ist die Zementproduktion um rund 16 Prozent zurückgegangen. Wurden 2008 noch 5,3 Millionen Tonnen produziert, waren es 2009 nur noch 4,6 Millionen Tonnen. Das schlägt sich auch im Jahresumsatz nieder, der im Krisenjahr 2009 von 457 Millionen auf 412 Millionen Euro zurückging. Für 2010 gibt es noch keine verbindlichen Prognosen. Zrost geht davon aus, dass sich die Situation frühestens im nächsten Jahr entspannen wird und die Zementindustrie erst mittelfristig wieder mit Umsatz- und Produktionszuwächsen wird rechnen können.

Infrastruktur als wirtschafts- und europapolitische Notwendigkeit

Die Rückgänge im Wohnungs- und Projektbau sowie im Infrastrukturbereich sind angesichts der Bedeutung der Bauwirtschaft als dramatisch zu bezeichnen. Krisengeschüttelte Gemeinden können aufgrund mangelnder Budgets nicht investieren. Die österreichische Zementindustrie fordert die Bereitstellung einer funktionstüchtigen Infrastruktur von Straße, Schiene, Wasserwegen, Telekommunikation und Energie sowie einen den Bedarf erfüllenden Wohnbau, um den Fortschritt der wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs nicht zu gefährden. "Die bedeutenden Infrastrukturbauten müssen im europäischen Kontext gesehen, projektiert und ausgeführt werden. Schiene, Straße, Wasserwege, Telekommunikation sowie die Energiebereitstellung sind von entscheidender Bedeutung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes", stellt Zrost fest.

Dramatischer Rückgang beim Wohnbau

Experten sind sich einig, dass in Österreich von einer Überversorgung im Wohnbau keine Rede sein kann. Vor 10 Jahren hat Österreich die magische 8 Millionen Grenze der Einwohner überschritten. Österreich ist von 1995 bis 2007 um 4,6 Prozent gewachsen und zählt mit Irland, Zypern, Luxemburg und Spanien zu den wenigen EU-Ländern deren Bevölkerung kontinuierlich weiter zunimmt. Die Steigerung ist nicht auf eine Zunahme der Geburten zurückzuführen, sondern auf Migration durch EU-BürgerInnen, die auch die nächsten Jahre anhalten wird. "Wir haben bereits jetzt in den größeren Städten zu wenig leistbare Wohnungen. Wenn nichts getan wird, verschärft sich die Situation weiter und führt unweigerlich zu sozialen Problemen", erklärt Zrost. Baubewilligungen sind ein wichtiger Indikator für Wohnbauinvestitionen, jedoch wird weiterhin von einem stark rückläufigen Trend ausgegangen. Für 2010 wird laut WIFO nur noch mit 35.500 Bewilligungen gerechnet, 2011 gar nur noch mit 33.850. Die Zementindustrie fordert daher den Wohnungsneubau so rasch wie möglich dem Bedarf anzupassen. Darüber hinaus ist die Wiedereinführung der Zweckbindung von Wohnbaufördermitteln sinnvoll. "Der Staat muss die richtigen Signale setzen. Thermische Sanierung soll gefördert werden, aber nur dort, wo sie auch wirklich Sinn macht. Es ist zu überlegen, ob es des Öfteren nicht wirtschaftlicher ist, ein Haus mit schlechter Bausubstanz, das weder energetisch noch vom Wohnstandard her unseren heutigen Ansprüchen genügt, neu zu bauen, als zu sanieren", gibt Friembichler zu bedenken. Eine Verdrängung des Neubaus durch thermische Sanierungen, die aus den Töpfen der Wohnbauförderung bezahlt werden, sei nicht akzeptabel.

20 Prozent mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

Die österreichische Zementindustrie ist seit vielen Jahren bestrebt, ihren Teil zur Erreichung der Klimaschutzziele Österreichs beizutragen. So wurden im Vorjahr 15,77 Millionen Euro in Umweltschutzanlagen investiert, um 20 Prozent mehr als 2008. Dieser Anteil beträgt verglichen mit den gesamten Anlageninvestitionen bereits 45,2 Prozent. "Zahlen, die einmal mehr die Innovationskraft unterstreichen. Forschung und Entwicklung ist seit jeher ein großes Anliegen", sagt Friembichler. Dabei geht es um die sogenannte Katalysatortechnologie (KAT), um weitere NOx Minderungen zu erreichen. Die Zementwerke in Kirchdorf und Wopfing haben dafür Pilotanlagen in Betrieb genommen. Die ersten Versuche verliefen in Teilbereichen positiv, die nach wie vor auftretenden Aktivitätsverluste der Katalysatorelemente müssen noch gelöst werden.

Unabhängige Expertise für mehr Energieeffizienz und -einsparung

Im Auftrag der VÖZ haben das deutsche Zementforschungsinstitut und das Wiener Consultingunternehmen Allplan die Situation der österreichischen Zementwerke in Hinblick auf Energieeffizienz und Energieeinsparungspotenziale untersucht. Der Auftrag umfasste die Analyse aller österreichischen Zementwerke. Nach einer umfangreichen Erhebung von Daten zu Produktion, Brennstoff- und Stromverbrauch erfolgte die Modellierung so genannter BAT (Best Available Technique) Anlagen für die jeweiligen Standorte der Klinkerproduktion. Darauf aufbauend erfolgte eine detaillierte energetische Bewertung der einzelnen Anlagen und eine nachfolgende Bewertung von Minderungspotenzialen. In der Gesamtbetrachtung konnten nur in wenigen Bereichen wirtschaftlich auch vertretbare Maßnahmen für Nachbesserungen gefunden werden. Das Einsparungspotential beim thermischen Energieeinsatz liegt zwischen 2 Prozent und 6,5 Prozent und erfordert zu seiner Realisierung umfangreiche Investitionen. Bei den Mahlanlagen kann der Strombedarf um etwa 5 % gesenkt werden. Entsprechende Verbesserungen sind bereits eingeleitet. Die elektrischen Antriebe hingegen sind weitgehend optimiert, bei der Beheizung der Gebäude und bei der Beleuchtung wurden nur geringfügige Potentiale festgestellt. Untersucht wurde auch die Möglichkeit der Fernwärmenutzung. Aufgrund der großen Entfernung der Zementwerke von den Nutzern kommt dafür nur ein Werk in Frage.

High Tech Prüfmethoden führen zu neuen Zementen mit weniger CO2

Die Herstellung von Zement erfordert hohe Temperaturen, ist damit energieintensiv und produziert Kohlendioxid. Ein Vorgang der mehrheitlich naturbedingten Prozessemissionen zuzuschreiben ist. Das seit drei Jahren laufende Forschungsprojekt sucht nach neuen Zusammensetzungen des Zements, die bei der Herstellung weniger CO2-Anfall verursachen. So beeinflussen der Anteil und die Zusammensetzung des Mehlkorns die Eigenschaften des Betons, dessen Verarbeitbarkeit, Festigkeit und Dauerhaftigkeit ganz maßgeblich. Ziel des gegenständlichen Forschungsvorhabens ist die Kornzusammensetzung in diesem Bereich zu optimieren. Die Verwendung automatisierter Bildanalyseverfahren (FPIA Flow-Particle-Image-Analyzer) ermöglicht eine zuverlässige und wiederholbare Routinebestimmung der Partikelgröße und Partikelform. Friembichler: "Durch eine gezielte Auswahl des Mehlkorns kann die sogenannte Packungsdichte erhöht und damit der verbleibende Hohlraum verringert werden. Die Laborergebnisse zeigen, dass bis zu 15 Prozent des Klinkers durch kornoptimierte Feinteile ersetzt werden könnten, ohne die maßgeblichen Eigenschaften der mit diesen Zementen hergestellten Betone zu verschlechtern."

Internationaler Award für Energieinnovationen

In den letzten Jahren konnte mit der Verbesserung der Wärmedämmung eine signifikante Verbesserung der Energieeffizenz von Gebäuden erzielt werden. Das führt mittlerweile dazu, dass in vielen Fällen für die Kühlung mehr Energie aufgewendet werden muss als für die Beheizung. „Um den Energiebedarf von Gebäuden künftig weiter zu senken brauchen wir neue, kreative Baukonzepte. Unverzichtbar ist dabei der Einsatz des Baustoffes Beton als Wärme- und Kältespeicher“, erklärt Friembichler. Die Österreichische Zementindustrie hat sich das Ziel gesetzt, diese Technologie binnen fünf Jahren als Stand der Technik zu etablieren. In diesem Zeitraum werden jährlich 250.000 Euro für Forschungs-, Ausbildungsund Lobbyingzwecke zur Verfügung gestellt. Ein erstes Forschungsprojekt wurde in der Programmschiene Haus der Zukunft zur Förderung eingereicht. Um diese Bemühungen zu unterstützen, wurde in Zusammenarbeit mit den Schwesterverbänden in Deutschland und der Schweiz ein Innovationswettbewerb ausgelobt. Die Auslobung dieses Preises erfolgt mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT), der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT), der Austrian Construction Technology Platform (ACTP), sowie der deutschen und schweizerischen Betonindustrie. "Es ist uns ein besonderes Anliegen länderübergreifend zu arbeiten, denn der Klimaschutz kennt auch keine Grenzen", so Friembichler.

Mit der Ausschreibung des internationalen Innovationspreises "Energiespeicher Beton" erwarten sich die Proponenten „Good Practice“ Beispiele realisierter beziehungsweise in Bau befindlicher Gebäude. Damit soll der aktuelle Kenntnisstand der Nutzung des Energiespeichers Beton dokumentiert und anhand der Ergebnisse der weiterführende Forschungs- und Ausbildungsbedarf ermittelt werden. "In der Forschungsausbildung gibt es nach wie vor Defizite. Unser Ziel ist es die Bauteilaktivierung fix in das Curriculum der Ausbildung innerhalb der Baubranche zu integrieren und verstärkt in Lehre und Praxis einfließen zu lassen", sieht Friembichler sowohl in der Theorie als auch in der Praxis noch Verbesserungspotential für diese zukunftsweisende Technologie. "Angesichts der angespannten Situation der österreichischen Bauwirtschaft ist es besonders wichtig, innovative und wirtschaftlich sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für unseren Baustoff zu entwickeln. Bauteile aus Beton eignen sich in hervorragender Weise zum Heizen und Kühlen von Gebäuden." Ziel der Nutzung als Energiespeicher Beton ist es, höheren Wohnkomfort bei niedrigerem Energieverbrauch zu realisieren. Hier soll der Innovationspreis 2010 „Energiespeicher Beton“ auch für den Architekten einen wichtigen Anreiz schaffen, sich intensiv mit der Speichermasse Beton als aktives Heiz- und Kühlmedium in Gebäuden auseinanderzusetzen.

Die Zukunft gehört dem Nachwuchs

Ein seit vielen Jahren verfolgtes Ziel ist die Förderung Auszubildender im Bauwesen bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Baustoff Beton. Um die verstärkte Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Studenten des Bauingenieurwesens und der Architektur anzukurbeln und zu forcieren wurde 2006 die "Concrete Student Trophy" ins Leben gerufen. Der Wettbewerb, der unter den Studenten in Form einer anrechenbaren Studienarbeit an allen österreichischen Universitäten ausgeschrieben wird, hat sich zu einer fixen Einrichtung entwickelt. "Wir möchten den Wissenstransfer von der Forschung in die praktische Anwendung schon bei den Studenten etablieren. Ein Wettbewerb ist eine sehr gute Möglichkeit, den jungen Leuten die Materie näher zu bringen und aufzuzeigen, welches Potenzial im Baustoff Beton steckt", begründet Friembichler das Engagement, mit dem er klare Fundamente für die Zukunft legt. „Wir sehen wie begeisterungsfähig angehende Planer für dieses unglaubliche Material sind." 2009 wurde das Thema "Klappbare Fuß- und Radbrücke über den Wienfluss bei der Einmündung in den Donaukanal" ausgeschrieben. 2010 sollen sich die Nachwuchstalente mit einer multifunktionalen, begehbaren, temporären Aussichtsplattform aus Beton am Gelände des Campus der TU Graz auseinandersetzen. Die Preisverleihung wird am 18. November 2010 stattfinden. In Graz wurde unterdessen ein neuer Bewerb kreiert. Der "beton kreativ" Wettbewerb, dessen Generalthema intensive Oberflächen in Hinblick auf die sinnliche Komponente von Beton als Material für Fassaden und Gebäudehüllen ist. Die Aufgabe des diesjährigen Wettbewerbs ist ein Entwurf eines multifunktionalen Gebäudes mit Wohnungen, Büros und Gastronomie an einem prominenten Bauplatz in der Grazer Innenstadt.

Bildnachweis: VÖZ, Abdruck honorarfrei
Fotodownload unter: http://mail.bauenwohnenimmobilien.at